Aus dem Bauch

Diner's Club Magazin

Erstens: Bewegung ist Leben.
Zweitens: Kein Prinzip ist ohne Gegenstück fruchtbar.
Arbeiten von Andreas Hülber

Wozu eigentlich noch Möbel entwerfen, wenn auf wichtigen Fachmessen weltweit Jahr für Jahr die gleichen Plüschmonster gezeigt werden? Wozu sich noch um Harmonie bemühen, wenn der Gedanke ohnehin immer öfter einer minimalen Kostenersparnis geopfert wird?
Fragte sich der Wiener Designer Andreas Hülber, bis er schließlich die (sprich: seine) Antwort darauf fand. Eine Antwort, die aber nicht etwa im Glauben an die heilende Kraft der Subversion liegt, sondern, so gibt er sich überzeugt, nur und ausschließlich im Bauch. Möbel zu entwerfen macht ihm eben Spaß. Punkt.

Freilich: Die Sache mit dem Bauch war auch für Hülber nicht immer so klar, wie sie sich heute für ihn darstellt. Nach einem ungeliebten Studium der Wirtschaftswissenschaften begibt er sich erst einmal auf eine Weltreise. Irgendwann macht er dann für ein Jahr in London Station, wo er in der Ausbildungsabteilung von Christie’s landet. Zwischen Stühlen der Renaissance und Chaise-longues des Empire erliegt er dort endgültig der Faszination des Schöpferischen, und der Wunsch, die Geschichte weiterzudenken, wird immer stärker.

 

Vorerst aber heuert er, zurück in Wien, bei der Galerie nächst St. Stephan an. Rosemarie Schwarzwälder bringt ihm den Kunsthandel bei, und er ist ihr bis heute dankbar, daß sie ihn 1989 unmißverständlich vor die Wahl stellt sich völlig auf die drei Dimensionen der Kunstobjekte zu konzentrieren oder das ausufernde Interesse an der vierten zum Beruf zu machen. Er entscheidet sich – kompromißlos und aus dem Bauch heraus.

Seither sind zahlreiche Entwürfe entstanden, stark an den Materialien, die er verwendet, und an deren Eigenschaften orientiert. Immer soll jedes Material die Aufgabe übernehmen, die ihm am besten liegt, wie ein Mensch in einem Unternehmen. Über hundert Entwürfe wurden auch realisiert, teilweise als Einzelstücke, teilweise in Kleinserien; Privathäusern, Firmen, Ordinationen und Kanzleien wurden ihrer Eigenart entsprechend Möbel, Räume und Licht zugeeignet. Corporate Identity heißt das, oder: Persönlichkeit; oder auch: Atmosphäre.

Also schon wieder der Bauch. Nur Bauch? Nichts steht fest, wenn er einen Auftrag übernimmt. Vorgaben werden hinterfragt, Abläufe studiert. Funktionalität bedingt Analyse der Bedürfnisse. Die kritische Auseinandersetzung mit scheinbar unabdingbaren Grundlagen hat also auch ihren Platz. Und ungewöhnliche Qualitätsmaßstäbe: Die Sessel, die der Urgroßvater 1889 schnitzte, stehen bis heute wackelfrei. Diese Dauehaftigkeit und ein überzeugendes Preis/Leistungs-Verhältnis sind für ihn so wichtig wie die Harmonie der Form.

„Bewegung ist Leben“ wird sein Credo, und die Beweise dafür sind eindrucksvoll: Der Stahlseilsessel „ Der Bauch des Arztes, der Drehtisch IC“, die multifunktionalen und leicht verschiebbaren Rollkästen. Starre, so Hülber, ist Tod: Selbst ein festes Gerüst muß flexibel bleiben, um zu kommunizieren und somit leben. Aus dem Dualismus fest-beweglich ergibt sich ein zweiter Grundkatz, gleichzeitig Wappen und Spruch:
Utraque iungo – Beides Verbinden.

Kein Pol kann allein Spannung aufbauen, kein Prinzip ohne ein Gegenstück fruchtbar werden. Die bekannte Konfrontation Form vs. Funktion soll bei ihm zur Symbiose werden: Eines ist ohne das andere nicht denkbar, immer ausgeschlossen bleibt nur das Einseitige und Selbstbezogene. Worin unterscheidet sich gutes Design nun vom Rest? „Manche Stücke sind wie Katzen“, sagt er: „Irgendwo aufgelesen, annektieren sie plötzlich einen Raum und lassen die Menschen bloß noch gnadenhalber bei sich wohnen. Ich versuche meine Objekte zu erziehen wie einen intelligenten Hund, damit er zu den Menschen paßt, mit denen er leben soll. Das heißt noch lange nicht, daß der Hund keinen Charakter hätte.“

Das Ergebnis sind tatsächlich zivilisierte, humorvolle Zeitgenossen, die zufällig aus anderem Stoff gemacht sind. Man hat sie gern um sich, den Bartisch „Only the Dogs“ etwa oder das Stehpult „Sagwas“. Die banale Nettigkeit jener hübschen Designprodukte, die dem Mythos aufsitzen, wonach Besinnung auf das Wesentliche in Kälte resultieren muß, bleibt ihren Benützern dennoch erspart.

Bewegung ist Design. Wozu also eigentlich noch weitere Tische entwerfen? Die Antwort fällt Andreas Hülber leicht: Noch ist nicht alles entworfen. Noch rumort es. Noch denkt er.

Die Dominanz logischer geometrie

Kurier

Ein Material muss ehrlich sein: Für den Designer Andreas Hülber steht die Funktion im Vordergrund.

Andreas Hülber, Sohn einer Familie in der die Tischlereikunst seit 1889 Tradition hat, ist als Designer in Wien tätig. Mehrere Auslandsaufenthalte (Australien, London) haben seine berufliche Entwicklung beeinflußt. JOURNAL WOHNEN sprach mit dem engagierten Designer.

Geradliniges Design

Schöner Wohnen

Das geradlinige Design der Gartenmöbel aus Holz und Metall, die Andreas Hülber für Utraque lungo entwarf, wird auch in einigen Jahren noch modern sein.

Gut erzogene Möbel

MÖBEL RAUM DESIGN

Manche Designstücke sind wie Katzen: Irgendwo aufgelesen annektieren sie plötzlich einen Raum und lassen die Menschen nur noch gnadenhalber bei ihnen wohnen.

Ich versuche meine Objekte zu erziehen wie einen intelligenten Hund, damit er zu den Menschen passt, mit denen er leben soll. Das heisst noch lange nicht, dass der Hund keinen Charakter hat.

Integrierte Lösungen

Wirtschaftsblatt

Wiener Möbeldesigner produziert ergonomische PC-Arbeitsplätze.

 

Der Computer dominiert die Oberfläche
der derzeit üblichen Schreibtische.
Interessante Konzepte können das
Verhältnis aber grundlegend ändern.

Utraque Iungo

Wirtschaftsblatt

Vier Schränke, jeweils in Metall, Gummi, Holz und Glas, heben sich in Form eines Tortenstückes, wurden am Institut für Bildnerische Erziehung des
Univ-Prof. Herwig Zens bei der Akademie der bildenden Künste in Wien aufgestellt. Die Schränke dienen unter anderem als komplette Videoarbeitsplätze und beherbergen außerdem photographische Ausrüstung.

Der Absolvent der Wirtschaftsuniversität Wien und Kunststudent bei Christie’s in London umreißt seine Philosophie mit den Worten: „Ich verbinde beides – Utraque Iungo“. Deswegen bestehen seine funktionellen Kreationen immer aus mindestens zwei verschiedenen Materialien, die sich ergänzen. Beides verbinden heisst auch: Form und Funktion, Ästhetik und Verwendung.

Andreas Hülber
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.